Tom Liwa über Joni Mitchells HEJIRA - eine autobiografische Plattenkritik 8erschienen in SUPERSTAR

HEJIRA war meine erste JONI MITCHELL-Platte. Es sollte sehr lange dauern, bis sie meine Lieblingsplatte wurde, die liebste von allen. Jahrelang wußte ich um sie, bin ihr ab und an über den Weg gelaufen und fand sie auch immer schon irgendwie klasse. Richtig Peng gemacht hat es aber erst sehr viel später. Ich kaufte meine erste HEJIRA 1978, zwei Jahre nach ihrem Erscheinen, also fast aktuell. Wahrscheinlich lag es daran, daß mir die grade rausgekommene DON JUAN'S WRECKLESS DAUGHTER als Doppelalbum zu teuer war. Fest steht, daß ich mir einfach nur mal eine JONI MITCHELL-Platte kaufen wollte. Es war Herbst und ich war siebzehn. Die Haare glatt und schulterlang lief ich in einem Second Hand-Trenchcoat rum, drunter Cord- hose und kariertes Hemd. Der Brüller war eine goldene Taschenuhr von meinem Opa, die letzte Uhr in meinem Leben, die ich länger als drei Tage freiwillig mit mir rumgetragen habe. Heute wäre ich in diesen Klamotten hipper als damals, fällt mir grade auf. 1978 gab es immerhin auch schon die SEX PISTOLS, hatte ich sogar, aber von Punk war im Straßenbild noch gar nichts zu sehen. Was man uns Nachwuchshippies im allgemeinen vorwarf war weder Anachronismus noch Unzeitgemäßheit (was nicht einmal unberechtigt gewesen wäre) son- dern ganz klassisch, daß wir ungepflegt waren und nervten (wozu ich ohne mit der Wimper zu zucken stehen kann). Ich war der größte NEIL YOUNG-Fan unter der Sonne und meine politische Arbeit bestand darin, mit ein paar Freunden im damals neu eröffneten ersten McDonald von Duisburg solange mit Hamburgern und Cola rumzusauen, bis wir rausflogen und nach einigen Tagen sogar Hausverbot kriegten. Was heißt NEIL YOUNG-Fan ? Ich war NEIL YOUNG ! Spätestens seit ich endlich Gleichgesinnte gefunden hatte, die auch eine Gitarre halten konnten und von sich behaupteten, sie schrieben Songs mußte ich nichts mehr sein wollen, sondern war etwas. Ich hatte immer schon diese Ader, über Musiker, deren Musik mir gefiel, mehr erfahren zu wollen. So wußte ich, daß JONI zu diesem ganzen Westcoast-Klüngel gehörte, obwohl sie (wie N.Y.) aus Kanada stamm-te. Ich wußte, sie war mal mit JACKSON BROWNE zusammengewesen und wahrscheinlich hatte sie mit je-dem von CROSBY, STILLS & NASH was gehabt. Gegen Promiskuität, bzw. inzestuöses Bäumchen-Wechsel- Dich innerhalb von Szenen hatte ich nichts, das war bei uns genauso. JONI MITCHELL war eine faszi-nierende Frauenfigur und sie strahlte Autorität aus. Sagen wir mal: ich versprach mir von dieser Platte ein weiteres Puzzlestück der Welt, in die ich mich zu projizieren im Begriff war. Was ich dann fühlte, als ich HEJIRA die ersten Male hörte war Distanz. Distanz gegenüber einem Gesamtkunstwerk, grau in grau wie das Cover und von einer Intensität, der ich mich nicht allzuoft aussetzen wollte. Um die Komplexität der Texte, wortgewaltige Kaskaden über das Unterwegssein und die Eitelkeiten und Verletzungen der Liebe (des seltsamsten und stärksten aller Gifte) wirklich zu erfassen war ich bei weitem nicht Mann genug. Mußte ich erst werden und ich hatte grade erst meine erste 'richtige' Freundin. Ich hängte immerhin das Cover in meinem Zimmer auf. Aufgeklappt, so daß man auch TOLLER CRANSTON auf der Rückseite sehen konnte. Der, ebenfalls Kanadier, hatte sich in den mittleren Siebzigern um die Poetisierung des Eiskunstlaufs verdient gemacht (für Gold zu gut) und malte, wie auch JONI. Es gab mal für kurze Zeit eine Illustrierte, die hieß LEUTE. Darin waren einige Jahre zuvor Bilder von ihm veröffentlicht worden, die ich damals ausschnitt. Eins davon, 'The Great Strawberry Queen' hing ebenfalls ziemlich lange in meinem Zimmer. HEJIRA, die Platte stand in meinem Regal und wurde ab und an gehört, eine tiefere Bedeutung für mein Leben hatte sie nicht. Auch andere MITCHELL-Platten, wie LADIES FROM THE CANYON waren mir in den nächsten Jahren wichtiger, während HEJIRA-JONI an der Wand mit ansah, wie in meinem Zimmer Freunde und Freundinnen kamen und gingen, Moden und Soundtracks wechselten. Wo stand JONI MITCHELL 1976 ? Sie war Anfang dreißig. Eine Frau, die auf ein bis dahin wildbewegtes Leben als überaus erfolgreiche Künstlerin zurückblickte, auf Wirren, Selbstzweifel,wahrgewordene Träume und Traum ge-bliebene Illusionen, die sie erwachsen gemacht hatten. Sie war eine Songschreiberin auf der Höhe ihrer Fähigkeiten, am Punkt des 'bewußten Schreibens' angelangt (der gezielten Montage von emotiona-len Bildern,die,indem sie der Logik der Assoziation folgt die Dimensionen von Raum und Zeit aufhebt).Wenn man oft genug in Plattenkritiken gelesen hat, daß man die größte lebende nordamerikanische Dichterin ist, erhält man einerseits eine erhabene Paranoia gegenüber jedweder Lobhudelei - andererseits läßt es einen das was man tut mit einer gewissen Sicherheit tun (Woher ich das weiß ?). Als JONI MITCHELL HEJIRA aufnahm (oder besser : als sie es schrieb ) stand sie wieder einmal in den Trümmern einer gescheiterten Beziehung mit einem Mann. Wer dieser Mann war, spielt keine Rolle. Ich nehme an, die Protagonisten der Songs auf HEJIRA sind eh aus verschiedenen Persone zusammengesetzt. Auch die Frage, woran die Bezie-hung wirklich scheiterte ist nicht von Belang. Einzig entscheidend ist, wie JONI aus diesem Scheitern heraus ihr großes existenzielles Thema formuliert. Die gebündelte Hoffnung und Hoffnungslosigkeit von dreißig Jahren, sowie die schmerzend schöne Erkenntnis, daß wir alle nur Partikel von Veränderung sind. Musikalisch war JONI MITCHELL seit den frühen Siebzigern auf dem Weg zum Jazz. Schon auf den vorherigen Platten COURT AND SPARK, sowie THE HISSING OF SUMMER-LAWNS wurden die Songstrukturen immer kom- plexer und die Akkorde schräger. Genaugenommen stellt HEJIRA in dieser Reihe sogar einen Schritt zurück dar, der in punkto Transparenz und Deutlichkeit allerdings ein ganz gewaltiger Schritt nach vorne war. Seit geraumer Zeit ließ sich JONI live und auf ihren Alben von Jazzrockern begleiten,was ganz offensichtlich eine Gratwanderung war. Bei keiner Platte dieser Phase funktioniert das Nebeneinander von Erzählstruktur und musikalischem Fluß so gut wie auf HEJIRA. Keine andere Platte MITCHELLs wirkt so homogen, so dem Song dienlich eingespielt. Die Musiker stammen zum größten Teil aus dem WEATHER REPORT- Umfeld. JACO PASTORIUS, der Bassist zum Beispiel - jemand der auf seinen Soloalben teilweise grauenvoll rum- daddelte spielt hier kongenial, daß es an Wladimir den Wolkenmaler aus Rilkes Erzählung gemahnt. JONI MITCHELLs spröden offenen Akkorden untergeordnet setzt die Band kleine vertrackte Kontrapunkte und beschränkt sich ansonsten auf Farben, bzw. Graustufen. HEJIRA hat mehr verschiedene Graus als die Eski- mos Wörter für Schnee kennen. Woher kam diese schlichte Klarheit ? Nun, eine Erklärung ist möglicherwei- se in JONIs Beteiligung an DYLANs ROLLING THUNDER REVUE zu suchen. Diese Tournee, die sich über die Jahre 1975 und 76 erstreckte als einen kollektiven zweiten Frühling aller daran beteiligten 60er-Helden zu sehen ist stark untertrieben. DYLAN selbst war endlich bei der wilden Weisheit angelangt, die man ihm schon immer abzukaufen bereit war. Mit einem Troß an Legenden ( ROGER McGUINN, MICK RONSON, ALLEN GINSBERG, SAM SHEPARD, JOAN BAEZ, JONI und RAMBLING JACK ELLIOT, um nur ein paar zu nennen) machte er sich auf eine 'Geheimtour' durch die Staaten auf und drehte dabei sein äußerst krypti- sches aber ebenso faszinierendes Vier-Stunden-Epos RENALDO & CLARA (was ihn zunächst in absolute Höhen der Kreativität und kurze Zeit später an den Rand des finanziellen Ruins brachte ... ). Am Morgen eines typischen ROLLING THUNDER-Tages wurde beispielsweise in Chicago angerufen, eine Halle gemietet, sämt-liche Radiostationen alarmiert und alles klar gemacht, um dann abends vor ausverkauftem Haus aufzutreten. Schon eine normale Tour, selbst eine kleine Piss-Tour durch Deutschland hat ihre eigenen, emotionalen Ge-setzmäßigkeiten. Das Zeitempfinden wird ein anderes, die Dichte an Ereignissen, der allabendliche Sympathie- beweis eines Publikums - all das führt dazu, daß empfindsame Gemüter schonmal ein wenig euphorisch werden können. Bei der Versammlung an illustren Charakteren und Umständen, die ROLLING THUNDER begleite-ten, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, welch mythische Ausmaße die Angelegenheit annahm. Alle Beteilig- ten zehrten von diesem Ereignis noch eine kleine Ewigkeit. Viele, DYLAN eingeschlossen, veröffentlichten in der Folge ihre besten Platten seit langem. Es schien, als würde die Generation, die in den Sechzigern hochge-spült wurde jetzt mit gewachsener Reife erst wirklich ernst machen. Vieles von der direkten, spontanen Wild- heit dieser Tour nahm natürlich PUNK vorweg (ein Link gab es durch beispielsweise PATTI SMITH sowieso) und SOUNDS titelte damals 'Nicht schön aber DYLAN'. Wieweit wer wen beieinflußt hat ist unklar. Tatsache ist, daß es starke Parallelen zwischen DYLANs Erzähltechnik auf BLOOD ON THE TRACKS und JONIs HEJIRA gibt. De facto halte ich JONI MITCHELL für die einzige Lyrikerin ( Männer eingeschlossen, um das hier klar zu sagen), die DYLAN das Wasser reichen konnte, wenn nicht mehr... Seltsam, wie schnell dann doch die Achtziger kamen und alles wieder neu sortiert wurde. Die Haare fielen und die alten Helden veröffentlichten Platten, die man beim besten Willen nicht mehr O.K. finden konnte. DYLAN hatte seine wiedergeborene Christen-Phase und JONI versuchte, nachdem sie den Jazz auf MINGUS so ausgereizt hatte, daß kein Song mehr zu erkennen war, verzweifelt an aktuelle Produktionstechniken An- schluß zu gewinnen. Ihre bis dato sehr geschmackvollen und meist selbstgestalteten Cover wichen poppig bunten (kecke New Wave Wischi-Streifen drauf !) Scheußlichkeiten, die alles in allem so wirkten wie Mütter, die auf den Parties ihrer halbstarken Söhne auf jung machten. Höhepunkt der Peinlichkeit war unbestritten DOG EAT DOG, eine Platte die nur noch nach Koks klang. Selbst NEIL YOUNG war augenscheinlich in der Krise und gab rechte Sprüche von sich. Außerdem gab es soviel Neues zu entdecken, daß man den Verfall der alten Garde höchstens mit einem beiläufigen Grummeln registrierte und auch das eine oder andere Highlight nicht mehr wahrnahm. Schließlich war man jetzt selbst am Drücker, mitunter sogar auch schon zum zweiten mal retro (zu den Klängen von TEARDROP EXPLODES oder den TV PERSONALITIES). Als die Achtziger zur Neige gingen wurde ich zum erstenmal geschieden. Ich hatte geheiratet, weil ich erst- mals in meinem Leben das Gefühl hatte, bei einer Frau am Ziel zu sein, nicht mehr suchen zu müssen. Eine zeitlang waren wir sowas wie John und Yoko. Ich der angehende Popstar (meine erste Platte war draußen und wurde überall gelobt), sie die angehende Filmemacherin, die mir in Arroganz und Großschnäutzigkeit um nichts nachstand. Leicht zu erraten : wir scheiterten an unseren Projektionen. Da wir in der Wahnvorstellung lebten, wir würden uns blind verstehen, blieb viel zu viel ungesagt. Das heißt, ich redete natürlich den lieben langen Tag aber ich merkte nicht, daß ich immer mehr von mir redete und immer weniger von uns. Dann brannte sie mit einem holländischen Pinselschwinger durch, der über zehn Jahre älter und cooler war als ich. Er hatte das alles wohl schon häufiger erlebt und meine letzten sinnlosen Rettungsversuche standen von An- fang an unter schlechten Sternen. In einer dieser zerrissenen Nächte kurz nach unserer Trennung hatte ich einen Traum. Stark verkürzt wurde mir darin mitgeteilt, daß ich eine weit offene Straße vor mir hatte, voll mit Schicksalen der verschiedensten Menschen. Diese Straße mußte ich lang, mir alle Geschichten anhören, leben, mitleiden und alles, alles aufschreiben. Dann würde ich eines Tages zurückkehren, begierig darauf, von meinen Erlebnissen zu berichten. Ich würde ein leeres Haus vorfinden. Nichts würde mehr sein, wie es war und niemand da, dem ich berichten könnte. Und dann würde ich Ruhe finden und eine neue weit offene Straße. Stark verkürzt tat ich die nächsten Jahre genau das und kam dem Punkt immer näher, an dem ich HEJIRA verstand. Red nicht von Straßen ... 'Nichts ist weniger real als der Realismus. Nur wenn man auswählt, wegläßt und Schwerpunkte setzt, stößt man zur wahren Bedeutung der Dinge vor.' GEORGIA O'KEEFFE, von der dieser Ausspruch stammt war als Frau und Künstlerin ein Vorbild für JONI MITCHELL. Das sieht man vor allem JONIs Malerei an, die einen ähnlich direkten Zugang zu ihrer Umgebung sucht, wie O'KEEFFE in ihren Bildern von Blüten oder Wolkenkratzern (wohl die bekanntesten ihrer Werke). Auch GEORGIA O`KEEFFE war öffentliche Person, Popstar, wenn man so will. In den frühen zwanziger Jahren (ihren Dreißigern) lebt sie in New Yorker Künstlerkreisen an der Seite ihres, zunächst kommerziell erfolgreicheren späteren Mannes ALFRED STIEGLITZ, der sie protegiert, ihr Ausstellungen ermöglicht. STIEGLITZ selber ist Fotograf. Eine seiner Ausstellungen (1921 in den Anderson Galleries) besteht zur Hälfte aus Studien von O'KEEFFE, zum Teil intime Aktaufnahmen. Somit wird sie zunächst als Muse und Modell bekannt bevor sie durch ihre zweite Einzelausstellung zur Berühmtheit wird - ein Ruhm, der nicht unerheblich mit ihrem Image als außergewöhn-liche, nicht dem gängigen Zeitklischee entsprechende Frau zu tun hat. Auf dem Live-Album MILES OF AISLES von 1974 sagt JONI MITCHELL, der Hauptunterschied zwischen ihrer Arbeit als Malerin und dem Songschreiben sei, daß niemand daherkäme und verlangen würde : 'hey, mal mir heute abend nochmal dieses eine Bild, das ich so mag !'. Man kann diesen Unterschied auch positiv formulieren. Durch seine zwangsläu- fige Ausdehnung in vergehender Zeit erlaubt der Song mehr als jede andere Kunstform, daß wir ihn als selek- tiertes Fragment, als interpretiertes Material und somit als real wahrnehmen. Ich fuhr durch die brennende Wüste als ich sechs Düsenjäger sah, die sechs weiße Kondensstreifen am Himmel über dem schwarzen Boden hinterließen. Es war das Hexagramm des Himmels. Es waren die Saiten meiner Gitarre. Ach, Amelia, es war nur Fehlalarm! Das Dröhnen von Flugzeugen ist ein Song, so wild und traurig. Er bringt die Zeiten durcheinander, wenn er bis zu Dir durchdringt. Dann wird Dein Leben zu einem Reisebericht , ein Monolog aus Ansichtskartencharme - Amelia, es war nur Fehlalarm! Die Leute werden Dir sagen, wo sie waren. Sie werden Dir sagen, wo Du hingehn sollst. Doch bis zu dem Moment, in dem Du selber da bist wirst Du's nicht wirklich wissen. Wo einige ihr Paradies gefunden haben sind andere lediglich zur Ruhe gekommen. Amelia, es war nur Fehlalarm! Ich wünschte, er wär heute hier. Es ist so schwer, seiner traurigen Bitte zu folgen, mich freundlicherweise von ihm fernzuhalten. Das ist, wie ich den Schmerz verstecke, während die Straße sich verflucht und behütet hinzieht. Amelia, es war nur Fehlalarm! Als ein Geist der Luftfahrt wur-de sie vom Himmel verschluckt oder vom Meer. Wie ich hatte sie einen Traum vom Fliegen. Wie Ikarus als er emporschwebte mit wunderschönen, törichten Armen. Amelia, es war nur Fehlalarm! Vielleicht hab ich nie wirklich geliebt. Ich schätze, das ist die Wahrheit. Ich verbrachte mein Leben in Wolken, in eisigen Höhen. Und auf alles runtersehend stürzte ich ab in seine Arme. Amelia, es war nur Fehlalarm! Ich checkte im Cactus Tree Motel ein um den Staub abzuduschen und schlief auf den seltsamen Kissen meines Fernwehs. Ich träumte von 747en über geometrischen Feldern. Träume, Amelia! Träume und Fehlalarme! (Amelia) Kein Bedauern, Kojote! Wir kommen einfach aus so verschiedenen Lebensumständen. Ich mach die ganze Nacht durch im Studio und Du stehst früh auf auf Deiner Ranch. Du bürstest den Schweif einer schwangeren Stute aus während die Sonne steigt und ich werd grade fertig mit meinen endlosen Spuren. Es ist nicht zu fassen, wie nah an den Knochen und die Haut und die Augen und die Lippen Du kommen kannst und Dich immer noch so alleine fühlen und immer noch so verwandt. Wie Stationen einer Staffel. Du begehst keine Fahrerflucht - nein, nein! Du hast einfach eine Anhalterin mitgenommen, eine Gefangene der weißen Linien auf der Autobahn. Wir sahen eine Farm runterbrennen mitten im Niemandsland, mitten in der Nacht. Wir rollten an dieser Tragödie vorbei und weiter, bis wir die Lichter eines Rasthauses sahen und anhielten. Eine lokale Band spielte da und die Ortsansässigen tanzten sich die Seele aus dem Leib. Das nächste woran ich mich erinner, ist wie der Kojote an meiner Tür auftaucht. Er drängt mich in die Ecke und er wird kein 'Nein' akzep-tieren. Er schleppt mich auf die Tanzfläche und wir tanzen langsam und eng. Jetzt hat er eine Frau zuhause und noch eine Frau am andern Ende des Saals und scheinbar will er mich trotz alledem. Warum mußt Du Dich so betrinken werden und mich auf diesen Weg führen? Du hast nur eine Anhalterin mitgenommen, eine Ge-fangene der weißen Linien auf der Autobahn. Ich sah dem Kojoten direkt ins Gesicht auf der Straße nach Baljeennie, nah meiner alten Heimatstadt. Er rannte durch die Weizenfelder um irgendeinen Preis runterzu-handeln. Ein Falke spielte mit ihm. Kojote sprang gradewegs in die Luft und schlug Haken. Er hatte genau diese Augen - die selben wie Du unter Deiner dunklen Sonnenbrille. Untersuchte in privatem Interesse die öffentlichen Räume und lünkerte durch Schlüssellöcher in numerierten Türen, hinter denen die Spieler ihre Wunden lecken, ihre vorübergehenden Liebhaber und ihre Pillen und ihre Pulver nehmen um heil durch dieses Passionsspiel zu kommen. Kein Bedauern, Kojote! Ich fahr eh nur ab, auf und davon. Du hast nur eine Anhal-terin mitgenommen, eine Gefangene der weißen Linien auf der Autobahn. Der Kojote sitzt im Kaffeehaus und starrt ein Loch in sein Rührei. Er nimmt meinen Duft mit den Fingern auf während er die Beine der Kellnerin begutachtet. Er ist zuweit weg von der Bay of Fundy, von Appaloosas und Adlern und Gezeiten. Die klima- tisierten Kabinen und die Kohlestriche sagen es mehr als deutlich: Entweder er fängt an zu kämpfen oder er muß hier raus. Ich selbst hab versucht wegzulaufen. Wegzulaufen und mit meinem Ego zu ringen. Mit meinem Ego und mit dem Feuer, das Du in diesem Eskimo hier entfacht hast. In dieser Anhalterin, dieser Gefangenen der feinen weißen Linien auf der Autobahn, dem freien, freien Freeway. ( Coyote) Die alte Beale Street kommt runter. Sweeties Snack Bar mit Brettern vernagelt. Egles der Schneider und Shine Boy sind weg, ausgeblendet mit Ragtime Blues. Handy ist in Bronze gegossen und steht in einem kleinen Park mit seiner Trompete in der Hand als würde er sich zu den guten alten Bands hinlauschen und dem Klicken hochhackiger Schuhe. Old Furry singt den Blues, angelehnt in seinem Bett, sein Gebiss und seine Beinprothese daneben. Ginny ist da, aus Freundlichkeit und wegen Furrys Bier. Sie ist der Schutzengel und der Aufseher des alten Mannes. Die Pfandhäuser glitzern wie goldene Zahnkronen in diesem grauen Zerfall. Sie haben dem Kadaver der alten Beale Street die letzten paar Dollars abgenagt. Aas und Gnade, blau und silbern funkelnde Trommeln, billige Gitarren, Lidschatten und Knarren, gerichtet auf das heiße Blut der Nichtexistenz. Down and out in Memphis/Tennesse. Old Furry singt den Blues. Du bringst ihm was zu rauchen und was zu trinken, dann spielt er für Dich. Es ist zum größten Teil Gemurmel und zweitklassiges Geplapper aber da war ein Song, den ich wirklich, wirklich fühlen konnte. Da ist ein Doppelmord im New Daisy. Das alte Mädchen schweigt auf der anderen Straßenseite. Sie ist still, wartet auf den Schlag des Schrotthändlers, starrt still auf ihren ge-stohlenen Namen. Diamantenjungs und Seidenpüppchen, Bourbongelächter, Geister. Geschichte zerfällt zu Parkplätzen und Einkaufszentren während sie die alte Beale Street einreißen. Old Furry singt den Blues. Er richtet seinen knochigen Finger auf Dich und sagt ' Ich kann Dich nicht leiden !' . Das ist sein Standardscherz aber es ist schon wahr : wir sind nur wilkommen wegen dem Tabak und dem Schnaps. W.C. Handy ich bin reich und feengleich und ich bin nicht vertraut mit dem Zeug, das Du spielst. Aber ich krieg einen starken Eindruck davon, wie Du zu Deiner Glanzzeit gewesen sein mußt. Wenn ich die alte Beale Street rauf und run- terblicke kommen mir die Geister der Darktown Society aus den Mauersteinen entgegen. Als wäre eine Sams-tagnacht. Sie tanzen herum und machen ihre Geschäfte. Old Furry singt den Blues. Warum sollte ich erwarten, daß der Typ mir seine Wahrheit gibt ? Dem Pech verfallend, der Zeit und anderen Dieben während unsere Limousine leuchtet auf seiner Barackenstraße.(Old Furry singt den Blues) Ein seltsamer Junge läuft eine Kür aus Anmut und Zerstörung auf einem gelben Skateboard durch den mittäglichen Fußgängerverkehr. Grade als ich denk er ist dumm und kindisch erwisch ich das dumme Kind in mir, wie es sich nach Liebe und Zuneigung sehnt. Was für ein seltsamer, seltsamer Junge. Er lebt noch bei seinen Eltern. Selbst der Krieg und die Navy haben es nicht geschafft, ihn erwachsen zu machen. Immer wieder bezieht er sich auf die Schulzeit und klammert sich an der Kindheit fest, zappelig und unter Druck. Sein verrücktes Wissen hält an etwas wildem fest. Er bat mich Geduld zu haben. Nun, ich hab versagt. 'Werd erwachsen!' schrie ich ihn an und als sich der Rauch verzog erwiderte er ' Sag mir einen guten Grund warum ! ' . Was für ein seltsamer, seltsamer Junge. Er sieht die Autos als Anordnung von Wellen, Sequenzen von Masse und Raum. Er sieht die Zerstörung in meinem Gesicht. Wir wurden high vom Reisen und betrun-ken vom Alkohol und von der Liebe, der stärksten Medizin, dem stärksten Gift von allen. Sieh nur, wie dieses Gefühl kommt und geht, wie der Mond die Gezeiten beeinflußt. Grade surf ich oben auf einer Welle und dann bin ich schon wieder ausgetrockneter Sand an seiner Seite. Was für ein seltsamer, seltsamer Junge. Ich gab ihm Kleidung und Schmuck. Ich gab ihm meinen warmen Körper. Ich gab ihm Macht über mich. Tausend Glasau- gen starrten in einen Keller voll antiker Puppen. Ich fand ein altes Klavier und süße Akkorde stiegen auf in eine gebohnerte Hotelhalle in New England während die Pensionsgäste schnarchten unter ihren knackigen weißen Ausgehverbotslaken. Da waren wir frisch Verliebte, Benzin ins Feuer der grauhaarigen Hausordnung. ( Ein Seltsamer Junge) Ich reise in einem Fahrzeug. Ich sitze in einem Cafe. Ein Deserteur der überflüssigen Kriege, die von der Liebe nichts als Neurosen übrig lassen. Die Melancholie ist gemütlich, wenn man sich nicht erklären muß. Sie ist so natürlich wie das Wetter in diesem launischen himmel heute. In unserer besitzergreifenden Beziehung konnte soviel nicht ausgedrückt werden. Jetzt hol ich mir die Dinge zurück, die Du und ich unterdrückten. Ich seh ein bißchen von mir in allem. Grade in diesem Moment der Welt, wo der Schnee sich ansammelt wie Spitzengehänge auf einem Ballroom Girl. Du weißt es war nie einfach, ob Du resignierst oder nicht. Ob Du die ganze Breite der Extreme auf Deiner Reise mitnimmst oder einer straighteren Linie folgst. Hier sitzen ein Mann und eine Frau auf einem Felsen. Sie werden entweder auftauen oder erfrieren. Hör nur ... Klänge von Benny Goodman dringen durch den Schnee und durch die Pinien. Ich bin durchlässig vom Reisefieber aber weißt Du, ich bin so froh, daß ich alleine bin. Manchmal bringt auch nur die leichteste Berührung eines Frem-den meine Knochen zum zittern. Ich weiß, niemand wird mir alles zeigen. Wir alle kommen und gehn ohne uns zu kennen. Jeder so tief und so oberflächlich zwischen Geburtszange und Grabstein. Ich sah die Granit-wegweiser an, Tribute an die Endgültigigkeit, an die Ewigkeit. Und dann sah ich auf mich hier, wie ich um Unsterblichkeit bettelte. In der Kirche zünden sie Kerzen an und das wachs läuft an ihnen runter wie Tränen. Ich bin Zeuge seit dreißig Jahren. Ich weiß, ich weiß, wir sind nur wechselnde Partikel der Veränderung auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne. Doch wie kann ich diesen Standpunkt vertreten wenn ich ständig an jeman- den gebunden und auf ihn gerichtet bin? Vom Fenster eines Hotelzimmers aus seh ich in der verspiegelten Front einer modernen Bank die weißen Rauchschwaden der winterlichen Schornsteine vor dem Mond winken wie eine Waffenstillstandsfahne. Ich reise in einem Fahrzeug. Ich sitz in einem Cafe. Ein Deserteur aus den überflüssigen Kriegen bis mich die Liebe den selben Weg zurücksaugt. (Hejira) Ich bin nach Staten Island, Sharon, um mir eine Mandoline zu kaufen. Ich sah das lange weiße Kleid der Liebe an einem Storefront Mannequin. Das große Schiff schaukelte zurück, den Bauch voller Autos ... Ein Mädchen, auf feine Spitze aus, wird dieses Kleid eines Tages sehen und den ganzen Tag wie verrückt darum betteln. Kleine Indianerkids auf einer Brücke in Kanada. Sie können ballancieren und klettern wie ihre Väter vor ihnen. Sie werden auf den Trägern der Manhattan Skyline entlanglaufen. Freiheitsstatue, leuchte mir den Weg, denn sobald diese Fähre anlegt geht's ab in die Kirche zum Bingospielen. Schröpft mich Spieler! Beim Poker kann ich cool bleiben doch ich mach mich zum Affen, wenn's um Liebe geht.Ich kann keine Emotionen verstecken, was ich fühle steht mir immer ins Gesicht geschrieben. Da ist eine Zigeunerin die Bleecker Street runter. Ich ging zu ihr, mehr als Scherz. Sie zündete eine Kerze für mein Liebesglück an und achtzehn Dollar gingen in Rauch auf. Sharon, ich habe meinen Mann verlassen an einer Abfahrt in North Dakota. Ich kam her zum Big Apple um mich den gestörten Träume zu stellen. Die Liebe ist eine sich wiedeholende Gefahr. Man sollte denken, daß ich mich daran gewöhnt habe. Nun, ich akzeptiere die Veränderungen letzendlich schon viel leichter als früher. Eine Frau die ich kannte hat sich ertränkt. Der Brunnen war tief und schlammig. Sie schüttelte nur die Nutzlosigkeit ab oder bestrafte jemanden. Den ganzen taglang riefen gestern meine Freunde an. Alle voll von Gefühlen und abstrakten Ideen. Es scheint, wir leben alle so nah an dieser Schwelle und so weit weg von Befriedigung. Dora sagt ' krieg Kinder!'. Mama und Betsy sagen ' such Dir eine wohltätigen Zweck! Hilf den Bedürftigen oder engagier Dich eine Zeit umweltpolitisch !' Nun, da ist eine weite, weite Welt voll edlen Motiven und zu entdeckenden wundervollen Landschaften. Aber alles, was ich wirklich will ist eine neue Liebe finden.Als wir Kinder waren in Maidstone, Sharon, bin ich zu jeder Hochzeit in der kleinen Stadt gegangen um die Tränen und die Küsse zu sehn und die hübsche Dame in ihrem weißen Spitzenkleid. Und egal, ob ich über die Eisenbahnschienen nach Hause lief oder ob ich auf dem Spielplatz schaukelte - immer hat die Liebe meine Illusionen mehr stimuliert als irgendwas sonst. Auf meinen Schlittschuhen bin ich hinter Golden Reggie her. Du weißt, ich war auf weiße Spitze aus, auf Träume. Mamas Feinstrumpfhosen unter meinen Cowgirl Jeans. Er brachte mir bei, daß man erst die Küsse und dann die Tränen kriegt. Die Zeremonie mit den Glocken und Spitzenkleidern allerdings bringt mich leichtsinniges Dummchen hier noch immer auf Gedanken. Jetzt sind da neunundzwanzig Eisläufer auf der Wollman Eisbahn. Sie kreisen alleine und in Paa-ren. In diese kraftvolle Anonymität starrt ein Gesicht am Fenster und starrt und starrt. Und die Macht der Be-weggründe und die Blumen der tiefen Gefühle scheinen mir zu dienen nur um mich zu teuschen. Sharon, Du hast einen Ehemann und eine Familie und eine Farm. Ich hab den Apfel der Versuchung und eine Schlange aus Diamanten um meinen Arm.Doch Du hast immer noch Deine Musik und ich hab den Blick auf die Landschaft und den Himmel. Du singst für Deine Freunde und Deine Familie - ich werde über die grünen Weiden laufen, über eine nach der anderen. ( Song für Sharon) Da fliegt eine Krähe, düster und zerlumpt von Baum zu Baum. Schwarz, wie die Autobahn die mich leitet. Jetzt setzt sie zum Sturzflug an um etwas leuchtendes aufzupicken. Fliegend in einem blauen Himmel. Ich nahm die Fähre zur Autobahn. Dann fuhr ich zu einem Wasserflugzeug. Ich nahm ein Flugzeug zum Taxi und ein Taxi zum Zug. Ich bin schon so lange unterwegs. Wie soll ich mein Zuhause erkennen können, wenn ich es wiedersehe? Ich bin wie eine schwarze Krähe, die in einem blauen, blauen Himmel fliegt. Auf der Suche nach Liebe und Musik war mein ganzes Leben Erleuchtung, Korruption und Sturzflug, Sturzflug, Sturzflug. Sturzflug um jedes leuchtende Ding aufzupicken, das ich sah. Wie diese schwarze Krähe, die in ei- nem blauen Himmel fliegt. Ich sah den Morgen nachdem ich die ganze Nacht auf war. Ich sah mein ausge- zehrtes Gesicht im Badezimmerspiegel. Ich sah aus dem Fenster und ich sah wie die zerlumpte Seele zum Flug anhob. Ich sah eine schwarze Krähe in einem blauen Himmel fliegen und ich bin wie sie. (Schwarze Krähe) Ich hab ein blaues Motelzimmer mit einer blauen Überdecke auf dem Bett. Ich hab den Blues draußen und in meinem Kopf. Wirst Du mich noch lieben wenn ich Dich anruf wenn's mir schlecht geht? Hier in Savannah gießt es in Strömen. Die Palmen im Licht der Veranda wie glattes, schwarzes Zellophanpapier. Wirst Du mich noch lieben wenn ich Dich anruf wenn ich wieder in der Stadt bin? Ich weiß, daß all diese hübschen Mädchen bei Dir ein und ausgehen und auf Deinem Elefantenschädel spazieren. Paß auf, Du erzählst diesen Mädchen, daß Du Masern hast. Erzähl ihnen, Du wärst ansteckend. Ich hoff, Du denkst an mich denn ich werd an Dich denken auf meinem einsamen Weg zurück. Honig, erzähl diesen Mädchen, daß Du Joni hast und daß sie nachhause kommt. Ich hab Straßenkarten von zwei Dutzend Bundesstaaten. Ich bin von Küste zu Küste nur um nachzudenken. Wirst Du mich noch lieben wenn ich zurück in der Stadt bin? Es ist seltsam wie diese alten Gefühle sich einnisten und bleiben. Du denkst sie sind weg aber nein, nein, sie sind nur verdeckt. Wirst Du mich noch lieben wenn ich zurück nach L.A. komme? Du und ich, wir sind wie Amerika und Rußland. Wir halten immer das Gleichgewicht. Wir ballancieren die Macht und das kann zu einem kalten, kalten Krieg führen. Wir müßen Friedensverhandlungen ansetzen in einem neutralen Cafe. Du hörst auf, die Stadt unsicher zu machen und ich hör auf mit der Autobahn. Ich hab ein blaues Motelzimmer mit einer blauen Überdecke auf dem Bett. Ich hab den Blues draußen und in meinem Kopf. Wirst Du mich noch lieben wenn ich zurück in die Stadt komme? (Blaues Motelzimmer) Ich traf einen Seelenverwandten. Er trank und war ein Womanizer. Ich saß vor seiner strahlenden Gesundheit und hielt die Tränen zurück. Er erkannte meine Schwierigkeiten und spiegelte mich vereinfacht. Wir lachten, niemals würde unsere Perfektion anerkannt werden. Er sagte ' Herz und Humor und Bescheidenheit werden Dir bei Deiner schweren Last helfen'. Ich verließ ihn für die Flucht über die Straßen. Ich geriet an ein paar Herumtreiber, angeschwemmt in einer kleinen Stadt am Meer. Dixie Coldcuts und Autobahn-Reich-Mich-Wei- ters. Ich wand mich, für sie und Boston Jim zu kochen. Die Zuneigung machte, daß es mir besser ging und ich dachte zurück an all die Straßen, die mich bis dort gebracht hatten. Im Golf von Mexico liefen die Fischernetze über. Das war während der Flucht über die Straßen. Frühling entlang der Gräben, da waren gute Zeiten in den Städten. Strahlendes Glück, alles war so leicht und einfach. Bis ich anfing, es zu analysieren und meine alte Art mich überkam. Der donnernde Schädel des Gerichts wurde größer und größer. Es machte die meisten Leute nervös. Sie wollten nicht wissen, was ich in der Flucht über die Straßen sah. Ich machte mich davon in einen Wald. Die Grillen zirpten im Farnkraut. Wie ein Glücksrad hörte ich mein Schicksal sich drehen und drehen und drehen. Und ich rannte über eine weiße Sandstraße. Ich rannte wie ein Reh. Rannte um den Blues loszuwerden, ihn zu tauschen gegen die Unschuld hier. Dies sind Michelangelos Wolken, muskulös mit Göttern und dem Gold der Sonne. Leuchtend auf Dich, der Du teilhast an der Flucht über die Straßen. In einer Autobahnraststätte sah ich im Juni ein Foto der Erde, auf dem Weg zurück vom Mond gemacht. Keine Stadt war zu erkennen auf der marmorierten Bowlingkugel. Kein Wald, keine Autobahn, ich hier am allerwenigsten. Man konnte diese Raststätten nicht sehen und auch das viel zu viele Gepäck nicht, unterwegs nach Westen und auf Rädern, auf der Flucht über die Straßen. ( Flucht über die Straßen) Da ich zunächst vorhatte, nur einzelne Textpassagen aus HEJIRA zu übersetzen, begann ich mit dem zweiten Lied der Platte, 'Amelia', in dem die große alte Dame der nordamerikanischen Luftfahrt, Amelia Earhardt auftaucht ( hatte im ersten Weltkrieg in etwa genausoviele Abschüsse wie Manfred von Richthofen, der rote Baron, bekannt von Snoopy). Dann wurden aus meinem Vorhaben anderthalb Tage Arbeit und eine Komplett- übersetzung der Platte. Für den einen oder anderen möglichen faux-pas bitte ich um Entschuldigung. Ich hatte nur ein Pons-Teil und konnte bei kniffeligen Sachen niemand fragen. Es schien mir wichtig, den gesamten Sprachfluß der Platte hintereinanderweg auf Papier zu bringen und ich habe selber einiges entdeckt, was mir vorher längst nicht so klar war. Ich begann mit 'Amelia' weil es der erste Song von HEJIRA war, der mich eines Tages so bügelte, daß ich (mitten auf der Autobahn natürlich, und um genauer zu sein zwischen Hamburg und Kiel unter einem grauen Himmel) anfing zu heulen wie ein Schloßhund. Mir kommen nicht schnell die Tränen. Wenn mir traurige Dinge passieren, neige ich eher dazu, zu versteinern. Ich krieg einen Kloß im Hals, mir schnürt sich die Brust sich zusammen, ich sehne mich nach einem Totstellreflex aber ich weine selten in solchen Momenten. Im Kino oder wenn ich bestimmte Songs höre, habe ich näher am Wasser gebaut. Was mich in diesem Moment so anrührte? Ich selbst war dieser Protagonist unterwegs, hin und hergerissen zwi-schen Heimweh und Fernweh, wissend um das, was er am meisten fürchtet und trotzdem immer wieder von ganzem Herzen herbeisehnt. Wie oft hatte ich grade die Menschen, die ich am meisten liebte am unglück-lichsten gemacht auf meiner Suche nach Eindrücken, dem Leben, dem lächerlichen Gespenst der grenzenlosen Freiheit. Das, was meine große Schwester da sang (wenn ich mich als ihren mißratenen kleinen Bruder be- zeichne und nicht als Erbfolger, dann darf ich JONI so nennen) sprach zu mir als käme es aus meinem Innersten. Und es war gleichzeitig die Stimme eines Gegenübers, Verletzender und Verletzter im selben Moment. Das alles, gepaart mit der Erkenntnis, daß ich HEJIRA an die tausendmal gehört hatte, bis ich an dem Punkt angelangte, an dem ich wirklich und wahrhaftig mit ihr verschmolz, ließ mich grundsentimentalen Idioten überlaufen. Was mir seitdem noch öfter passiert ist und ich bereue nicht einen dieser Momente. Heute ist JONI MITCHELL über fünfzig. Sie lebt seit langem mit ihrem Mann Larry Klein zusammen, mit dem sie auch gemeinsam ihre seltenen Platten produziert. Die letzten beiden dieser Platten, NIGHT RIDE HOME und TURBULENT INDIGO, auf deren Cover MITCHELL sich als VINCENT VAN GOGH mit abge- schnittenem Ohr portraitierte, waren brilliante Alterswerke voll Weisheit und Klarheit. Über ihr Privatleben ist nicht viel bekannt. In ihren heutigen Texten spielen die Wirrungen der Liebe eine immer untergeordnetere Rolle. Ihr Blick ist allem Anschein nach mehr denn je auf die Welt als Ganzes gerichtet. Gerüchte werden nicht stumm, daß es um JONI MITCHELLs Gesundheit nicht gut bestellt ist. Sie gibt wenige Interviews und tritt so gut wie nie öffentlich auf. Manchmal mach ich mir Sorgen um sie und denke an GEORGIA O'KEEFFE, die in ihrem Wüstendomizil das biblische Alter von sechsundneunzig Jahren erreichte. In einem Gespräch mit MORRISSEY, das der Rolling Stone anläßlich des VÖs ihrer Best Of-Collection HITS AND MISSES Anfang des Jahres veröffentlichte, äußerte sich JONI MITCHELL :' Ich glaube, daß ich ziemlich gut in die Neunziger passe. Es gab eine Zeit, als ich in jedem Lager exkommuniziert wurde. Dann kamen diverse Leute hoch, die auch auf verschiedenen Hochzeiten tanzten und ich sagte zu meinem Management - in diesem Spiel könnt Ihr mich doch sicherlich unterbringen' . Mit solchen strategischen Gedanken einerseits und Ver- bitterung andererseits spielt JONI MITCHELL im Verlauf dieses Interviews häufiger. Aber es bleibt ein leicht kokettes Spiel, in hohem Maße selbstreflektorisch und genau genommen ziemlich humorvoll. Interviews... Und ich? Ich bin weiterhin unterwegs unter grauen Himmeln und träume davon Songs zu schreiben, die in punkto Tiefe und Größe auch nur annähernd an JONIs heranreichen. Meine Liebe allerdings glaube ich gefunden zu haben ...